Die Ära der kurzen, sich wiederholenden Videos feiert ein Comeback. Divine, eine neue Social-Media-Plattform, die den Geist des verstorbenen Vine wiederbeleben soll, wurde offiziell im App Store und bei Google Play gestartet. Das Projekt ist mehr als nur eine Nostalgiereise. Es zielt darauf ab, soziale Medien durch Open-Source-Protokolle und eine strikte Ablehnung von KI-generierten Inhalten neu zu definieren.
Eine Auferstehung durch Wiedergutmachung
Das Projekt wird von „and Other Stuff“** finanziert, einer gemeinnützigen Organisation, die im Mai 2025 von Twitter-Mitbegründer Jack Dorsey gegründet wurde. Im Gegensatz zu traditionellem Risikokapital ist Dorseys Engagement nicht auf der Suche nach finanziellen Erträgen ausgerichtet. Stattdessen scheint es sich um einen Versuch einer „digitalen Wiedergutmachung“ zu handeln – ein Versuch, seine Entscheidung, Vine während seiner Amtszeit als CEO von Twitter zu schließen, zu korrigieren.
Die technische Schwerarbeit wird von Evan Henshaw-Plath (im Internet als „Rabble“ bekannt) geleitet, einem ehemaligen Twitter-Mitarbeiter. Die Rekonstruktion des Vine-Archivs war eine enorme Datenherausforderung. Das Team musste mit riesigen, 40–50 GB großen Binärdateien arbeiten, die vom von der Community geführten Archive Team aufbewahrt wurden. Durch benutzerdefinierte Big-Data-Skripte konnte das Team Folgendes erfolgreich wiederherstellen:
– Ungefähr 500.000 Videos.
– Engagement-Metriken wie Aufrufe, Likes und Kommentare.
– Inhalte von fast 100.000 ursprünglichen Erstellern.
„KI-Slop“ mit menschlichen Inhalten bekämpfen
Einer der bedeutendsten Unterschiede zwischen Divine und modernen Giganten wie TikTok oder Instagram ist seine Haltung zur künstlichen Intelligenz. In einer Zeit, in der soziale Feeds immer mehr mit „KI-Slop“ – mit geringem Aufwand, algorithmisch generierten Inhalten – überfüllt sind, positioniert sich Divine als Zufluchtsort für menschliche Kreativität.
Um dies durchzusetzen, verwendet die Plattform zwei Hauptmethoden:
1. In-App-Aufzeichnung: Benutzern wird empfohlen, direkt in der App zu filmen.
2. C2PA-Verifizierung: Für hochgeladene Videos nutzt Divine den offenen C2PA-Standard, der die digitale Herkunft und den Bearbeitungsverlauf einer Datei verfolgt, um deren Authentizität sicherzustellen.
„Mir gefällt die Idee nicht, dass Unmengen an Inhalten sehr schnell und mit wenig Menschlichkeit oder Nachdenken erstellt werden können“, sagt Henshaw-Plath.
Basierend auf offenen Protokollen
Divine versucht nicht, einen „ummauerten Garten“ wie Meta oder X zu errichten. Stattdessen basiert es auf Nostr, einem offenen sozialen Protokoll. Die Entwickler prüfen außerdem Integrationen mit:
– AT-Protokoll: Die Technologie, die Bluesky antreibt.
– ActivityPub: Das Protokoll hinter den Threads von Mastodon und Meta.
Durch die Nutzung dieser offenen Standards möchte Divine die sozialen Medien von der Kontrolle zentralisierter Technologiegiganten wegbewegen und hin zu einem dezentralen, benutzereigenen Ökosystem führen.
Funktionen und Monetarisierung
Die App verfügt über einen „Zusammenstellungsmodus“, der auf eine Generation zugeschnitten ist, die mit dem Konsum schneller Videostreams aufgewachsen ist. Benutzer können Hashtags (z. B. #cats) durchsuchen und einen automatisch abspielenden Stream klassischer und neuer Vines genießen oder eine Pause einlegen, um mit den Inhalten zu interagieren.
Da Divine als gemeinnütziges Unternehmen ohne traditionelles Einnahmemodell strukturiert ist, vermeidet es die Datensammelfallen der meisten sozialen Plattformen. Stattdessen untersucht das Team schöpferzentrierte Modelle:
– Direkter Support: Ähnlich wie Patreon.
– Markenkooperationen: Ermöglicht den Entwicklern die Monetarisierung durch traditionelle Angebote.
– Pro-Konten: Bietet erweiterte Funktionen für Power-User.
Der Start hat bereits das Interesse von Internet-Ikonen wie Lele Pons und JimmyHere geweckt und signalisiert, dass die ursprüngliche Vine-Community bereit ist, ihr digitales Zuhause zurückzuerobern.
Fazit: Divine stellt ein mutiges Experiment zur Verschmelzung von Internet-Nostalgie mit moderner dezentraler Technologie dar und soll beweisen, dass soziale Medien menschenzentriert, Open-Source und frei von der Unordnung KI-generierter Inhalte sein können.
